Premieren im April: Zwei starke Stücke mit aktuellem, politischem Gegenwartsbezug

09.04.2017

[Memmingen] Mit VERBRENNUNGEN von Wajdi Mouawad und ICH BIN DAS VOLK von Franz Xaver Kroetz feiern am Landestheater Schwaben am 21. und 22. April zwei Stücke Premiere, die mit Wucht, Stärke und Emotion unter die Haut gehen.

Angesichts von Krieg, Flüchtlingsbewegungen und Fremdenfeindlichkeit entfalten beide Produktionen auf unterschiedliche Weise politisch-gesellschaftliche Brisanz. 

Verbrennungen Fr 21.04.2017, 20 Uhr (Premiere)

Drama von Wajdi Mouawad
★ Premiere, Freitag 21.04.2017, 20 Uhr, Großes Haus

Die Zwillinge Simon und Jeanne werden durch das Testament ihrer Mutter Nawal auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt: In Nawals bürgerkriegsgeschüttelter Heimat im Nahen Osten erfahren sie die verstörende Wahrheit über ihre eigene Identität. Mouawad hat mit VERBRENNUNGEN das wohl eindrücklichste und berührendste Stück über die individuellen Folgen von Krieg und Vertreibung geschrieben, ein Familiendrama von archaischer Wucht.

Bevor Nawal Marwan in einem kanadischen Krankenhaus stirbt, hat sie fünf Jahre lang geschwiegen. Warum? Ihre Kinder Simon und Jeanne erhalten als Hinterlassenschaft zwei Briefe: Der eine sei dem Vater zu übergeben, von dem sie glauben, dass er tot ist. Der andere einem Bruder, von dessen Existenz sie nie gehört haben. Nur widerstrebend nehmen die Zwillinge den Auftrag der Mutter an. Getrennt reisen sie in die verlorene Heimat im Nahen Osten und tauchen in Nawals Lebensgeschichte ein: Sie wuchs in einem Bürgerkrieg auf, war lange auf der Flucht und wurde schließlich zur politischen Aktivistin. Nach dem Krieg gelang ihr die Ausreise in den sicheren Westen, doch das Erlebte lässt sich selbst im neuen Leben nicht abschütteln und überschattet alles, auch die Liebe zu ihren beiden Kindern. Während der Odyssee durch die fremde Welt vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, die Kinder stehen ihrer Mutter als junger Frau gegenüber und schließlich dem Geheimnis ihrer eigenen Herkunft – und damit einer Wahrheit, die kaum zu ertragen ist.

Der Frankokanadier Wajdi Mouawad, selbst vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen, erzählt in seinem Familiendrama von den Grausamkeiten und Verletzungen durch Kriege, aber ebenso von Hoffnung, Mut und der erstaunlichen Kraft der Liebe. VERBRENNUNGEN fesselt mit seiner höchst dramatischen Geschichte, den komplexen Figuren und einer poetischen Sprache. In den letzten Jahren auf zahlreichen deutschen Bühnen gespielt, bleibt das Stück angesichts andauernder Bürgerkriege und Flüchtlingsströme von trauriger Aktualität.

TERMINE:
Fr 21.04.2017, 20 Uhr (Premiere); Mi 03.05.2017, 20 Uhr; Do. 04.05.2017, 20 Uhr; So 7.05.2017, 19 Uhr; Di 16.05.2017, 20 Uhr, u.a.

Künstlerisches Team:
Es spielen: Claudia Frost - Miriam Haltmeier - Regina Vogel - Jan Arne Looss - Christian Bojidar Müller - Rudy Orlovius - Fridtjof Stolzenwald - André Stuchlik

Inszenierung:
Kathrin Mädler - Bühne & Kostüme: Frank Albert - Dramaturgie: Anne Verena Freybott

Ich bin das Volk Sa 22.04.2017, 20 Uhr (Premiere)

Volkstümliche Szenen aus dem neuen Deutschland von Franz Xaver Kroetz Fassung von Max Claessen und Silvia Stolz 
★ Premiere, Samstag 22.04.2017, 20 Uhr, Studio

ICH BIN DAS VOLK ist scharfer Zeitkommentar und ein allzu deutsches Volksstück. 1993 fetzte Franz Xaver Kroetz seine Szenenfolge zu „Ausländerhaß, Neonazitum, Not und Feigheit“ aufs Papier. Von ihm selbst als Gebrauchsstück für den Augenblick gedacht, entfalten diese Szenen heute eine gnadenlos aktuelle Wucht. Die Flüchtlingsheime brannten und Kroetz schrieb „aus aktuellem Anlass“ seine „volkstümlichen Szenen aus dem neuen Deutschland“. Das Deutschland ist nicht mehr neu, aber der Anlass hat nichts von seiner Hässlichkeit eingebüßt: Demonstrationszüge haben sich den Slogan „Ich bin das Volk“ zu eigen gemacht; der NSU-Prozess lenkt den Blick auf ein jahrelang und deutschlandweit operierendes rechtes Netzwerk; die AfD gehört inzwischen scheinbar zum politischen Inventar, und die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte sind dramatisch gestiegen. Kroetz legt mit den auftretenden aggressiv tumben Neonazis und den scheintoleranten Politikern, den Finger in die deutsche Wunde: Was ist das für ein merkwürdiges Volk, das aus dem Dritten Reich zu viel und zu wenig zugleich gelernt zu haben scheint? 

In seiner atmosphärischen Inszenierung hat der Regisseur Max Claessen die Kroetzsche Szenenfolge in ein grünbraunes Familienidyll verlegt und die einzelnen Szenen zusammen mit der Dramaturgin Silvia Stolz zu einem Ganzen für vier Schauspieler verwoben. Aus den Figuren bricht immer wieder das braune Gedankengut, springt der Nazi hervor. Sie entlarven, dass in jedem von uns die Angst vor dem Fremden, der kleine Rassist lauert.

Franz Xaver Kroetz einer der meistgespielten und umstrittensten deutschen Dramatiker, ist ein theatraler Nachkomme von Marieluise Fleißer, Brecht und Horváth. Sein neues Volkstheater spült den Dreck aus den Kellern des kollektiven Bewusstseins hoch und gibt sprachunfähigen Menschen eine aggressive Expressivität.

TERMINE:
Sa 22.04.2017, 20 Uhr (Premiere); Sa 29.04.2017, 20 Uhr; Mi 03.05.2017, 20 Uhr; Fr 05.05.2017, 20 Uhr; Do 11.05.2017, 20 Uhr, Fr 12.05.2017, 20 Uhr u.a.

Künstlerisches Team:
Es spielen: Anke Fonferek - Elisabeth Hütter - Jens Schnarre - Sandro Šutalo 

Inszenierung:
Max Claessen - Bühne und Kostüme: Ilka Meier - Dramaturgie: Silvia Stolz

Karten sind erhältlich an der Theaterkasse, Tel. 08331 / 94 59 16,
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Text und Bilder: Landestheater Schwaben

Verbrennungen    Fr 21.04.2017, 20 Uhr (Premiere)
Ich bin das Volk    Sa 22.04.2017, 20 Uhr (Premiere)
 

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