Loch im Herzen kann Schlaganfall auslösen

24.05.2018

[Memmingen] Die Anzahl tödlicher Herzinfarkte nimmt in Deutschland leicht ab. Dennoch stellen auch heute Herz-Kreislauferkrankungen die häufigste Todesursache dar. Über Innovationen in der Herzmedizin diskutierten führende Experten aus Süddeutschland beim Herz-Kreislauf-Symposium in der Memminger Stadthalle, zu dem Kardiologie-Chefarzt Professor May vom Klinikum Memmingen geladen hatte.

Etwa jeder vierte Mensch lebt mit einem kleinen Loch in der Herzscheidewand zwischen den beiden Vorhöfen. Diese Öffnung ist ein Überbleibsel des fetalen Kreislaufs. Normalerweise verschließt sich das Loch in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt. Die Öffnung steht schon länger im Verdacht, an der Entstehung von Schlaganfällen beteiligt zu sein – und zwar vor allem bei jüngeren Patienten, bei denen normalerweise ein Hirninfarkt extrem selten ist. Denn passiert ein Blutgerinnsel das Loch, kann es einen Schlaganfall auslösen: „Der Verschluss des Loches bei Schlaganfallpatienten war lange eine umstrittene Therapiemaßnahme, weil es keine eindeutige Studienlage dazu gab“, erläuterte der Chefarzt der Neurologie am Klinikum Memmingen, Privatdozent Dr. Christoph Lichy. „Jetzt allerdings sind drei positiv ausfallende Studien erschienen, die einen klaren Benefit in dieser Verschlusstherapie sehen.“ Auch im Klinikum Memmingen werden solche schirmförmigen Verschluss-Systeme mithilfe eines Katheters implantiert, um das Risiko für einen erneuten Hirninfarkt zu verringern, so Lichy: „Diese Therapie ist einer medikamentösen Therapie durch Blutverdünner überlegen.“

Viele Hirninfarkte gehen auch auf die Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern zurück, von der in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen betroffen sind. Bei etwa der Hälfte der Patienten läuft die Erkrankung unbemerkt und ohne erkennbare Symptome ab. Vorhofflimmern lässt sich medikamentös, zum Beispiel durch Blutgerinnungshemmer, behandeln. Wirken Medikamente nicht zufriedenstellend oder weisen nicht tolerierbare Nebenwirkungen auf, werden auch invasive Methoden angewandt, wie die sogenannte Ablation. Dabei wird das Gewebe, das falsche elektrische Impulse im Herzen weiterleitet und dadurch das Vorhofflimmern auslöst, gezielt mit Wärme oder Kälte verödet, wie Prof. Dr. Peter Seizer vom Universitätsklinikum Tübingen erläuterte. Vor allem bei jüngeren Patienten werde diese Methode immer häufiger als Alternative zur medikamentösen Dauertherapie eingesetzt. Dabei führt der Kardiologe über eine Vene in der Leistengegend einen Katheter in den linken Vorhof ein und vernarbt dort einen Teil des Gewebes. 

Implantation eines Mitra-Clips bei undichter Mitralklappe

Über Therapiemöglichkeiten bei einem Herzklappenfehler informierte Prof. Dr. Jörg Hausleiter von der Uniklinik München.  Bei einer Undichtigkeit der Mitralklappe, einer der vier Herzklappen des Menschen, könne die Implantation eines Clips, des sogenannten Mitra-Clips, erfolgen. Er wirkt wie eine Klammer und hält die undichte Klappe zusammen. „Professor May vom Klinikum Memmingen ist Experte auf diesem Gebiet“, lobten bereits frühere Referenten des jährlich stattfindenden Symposiums den Memminger Chefarzt.

Häufig leiden laut Hausleiter Patienten mit einer undichten Mitralklappe auch an einer undichten Trikuspidalklappe. Eine hochgradige Undichtigkeit der Trikuspidalklappe führe zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität und Lebenserwartung. Da allerdings bei vielen älteren Patienten aufgrund gleichzeitig bestehender Begleiterkrankungen eine chirurgische Therapie zu risikoreich sei, werden neuerdings solche Patienten ebenfalls mittels Katheter behandelt: „Technisch ist eine Behandlung mit dem Mitra-Clip-System erfolgreich und sicher durchführbar“, so Hausleiter.

Über die speziellen Herausforderungen bei sehr alten herzkranken Patienten, die meist zahlreiche Begleiterkrankungen mitbringen, sprach Privatdozent Dr. Harald Rittger vom Klinikum Fürth: „Bei vielen älteren Patienten wird eine Operation schon von vornherein reflexartig verneint“, weil man sie für zu riskant halte. Dabei müsse man genauer hinsehen: Alte Patienten seien sehr schwer miteinander zu vergleichen. „Weil jeder Patient ganz andere Voraussetzungen mitbringt.“ Diese seien schwer messbar. „Deswegen brauchen wir individualisierte, an Leitlinien orientierte Entscheidungen, welche die spezifische Risikokonstellation des älteren Patienten berücksichtigen.“ Allerdings fehlten hierfür bisher die entsprechenden Daten. „Ich weiß nicht, ob wir die in den nächsten Jahren bekommen.“

Zwischen den Expertenreferaten präsentierten erfahrene Fach- und Oberärzte des Klinikum Memmingen aktuelle klinische Fallbeispiele, die intensiv mit dem Fachpublikum diskutiert wurden.


Text: Klinikum Memmingen

 

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