Ein Schrittmacher für die Blase

29.06.2017

[Memmingen] Ein schwacher Beckenboden kann zu Inkontinenz, sexueller Unlust und einem Vorfall von Gebärmutter, Blase oder Darm führen. „Doch das muss nicht sein“, betonten die Referenten des Informationsabends im Klinikum Memmingen anlässlich der Welt-Kontinenz-Woche: „Denn Sie können viel für Ihren Beckenboden tun.“

Das A und O für einen gesunden Beckenboden sei eine aufrechte Haltung, wie Beckenbodentrainerin Katharina Glaser vom Klinikum Memmingen betonte. Denn bei einer geraden Körperhaltung habe der Beckenboden eine gewisse Grundanspannung und seine Muskeln würden gestärkt, ebenso die  Bauch- und Rückenmuskulatur. Bei einer krummen Haltung dagegen seien die Muskeln schlaff und das Gewicht der inneren Organe wie Gebärmutter, Darm und Blase laste stärker auf dem Beckenboden.

„Wichtig für die körperliche, seelische und sexuelle Gesundheit“ sei zudem Beckenbodentraining, das Betroffene tagtäglich absolvieren sollten, wie die leitende Physiotherapeutin am Klinikum, Heidemarie Geier betonte. Beckenbodentraining habe allerdings „nichts mit Anstrengung oder Kraft zu tun, sondern mit Spüren und Konzentration“. Dabei sei es wichtig, sich die Übungen von einer Fachkraft anleiten zu lassen: „Denn es ist nicht leicht, ein Gefühl für den Beckenboden zu bekommen. Es geht nicht darum, die Pobacken zusammenzukneifen.“ 

Hilft Beckenbodentraining nicht gegen Harn- oder Stuhlinkontinenz und sind alle medikamentösen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft, können die Ärzte des Klinikum Memmingen einen Schrittmacher einpflanzen, der über eine Sonde im Kreuzbein Nervenbahnen aktiviert: „Die Erfolgsrate liegt bei 70 bis 80 Prozent“, beschreibt Chirurgin Dr. Walburga Rauner. Der Schrittmacher werde minimal-invasiv über kleine Schnitte implantiert und mittels Fernbedienung vom Arzt programmiert. „Rund 1.500 solcher Geräte werden jährlich in Deutschland implantiert und es sind keine schwerwiegenden Komplikationen bekannt.“ Die Kosten würden von der Krankenkasse übernommen. Laut der Oberärztin sind mehr Frauen als Männer von Inkontinenz betroffen: „Denn Männer haben eine bessere Muskulatur und bei Frauen ist oft durch das Kindergebären der Beckenboden in Mitleidenschaft gezogen.“

Dass Schwangerschaft und Geburt aber nicht automatisch zu Beckenbodenschwäche führen müssen, zeigte Gynäkologin Dr. Kathrin Mühlen. „Beckenbodenschwäche ist kein Schicksal, dass man einfach so ertragen muss“, betonte die Oberärztin. Mit regelmäßigem Beckenbodentraining während der Schwangerschaft sowie konsequenter Rückbildungsgymnastik nach der Geburt könne das Risiko, später an Inkontinenz oder einem Gebärmuttervorfall zu leiden, minimiert werden. Gesunde Ernährung und die Vermeidung von Übergewicht wirkten sich ebenfalls positiv aus. Allerdings spiele auch die genetische Veranlagung sowie die körperliche Belastung eine Rolle: „Ein schwaches Bindegewebe oder jahrzehntelange, schwere, körperliche Arbeit fördern natürlich eine Beckenbodenschwäche.“

Auch gebe es Patienten, bei denen die Inkontinenz durch psychischen Stress verursacht werde, wie die in Memmingen niedergelassene Urologin Beatrice Labude erklärte. Denn die Blase sei „ein Organ der Gefühle. Sie wird durch Emotionen beeinflusst.“ Deswegen sei es wichtig, die Patienten in der Sprechstunde ganzheitlich zu betrachten: „Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Aggression können zu einer Daueranspannung der Beckenbodenmuskulatur und damit zu Symptomen im Urogenitalbereich, wie zum Beispiel einer Reizblase, führen.“

Ein ärztliches Therapiegespräch mit Erkennen einer Konfliktsituation, eine Verhaltenstherapie oder Entspannungstechniken wie beispielsweise autogenes Training, Yoga oder leichtes Joggen könnten zur Linderung und Heilung beitragen.

Zur Freude der Organisatoren kamen am bisher heißesten Tag des Jahres über 100 Interessierte zum Informationsabend. „Wir wollen das Thema Inkontinenz aus der Tabuzone holen“, unterstrich Privatdozent Dr. Felix Flock, Chefarzt der Frauenklinik und Leiter des Zertifizierten Beckenbodenzentrums am Klinikum Memmingen, der zusammen mit Urologe Dr. Alexander Weber die Moderation übernahm. 


Text und Bilder: Klinikum Memmingen

Trotz hoher Außentemperaturen kamen rund 100 Interessierte ins Klinikum Memmingen, um sich bei Gynäkologie-Oberärztin Dr. Kathrin Mühlen (im Bild) und ihren Kollegen über Therapiemöglichkeiten bei Inkontinenz, einer Reizblase oder einem Gebärmuttervorfall zu informieren. 
Trotz hoher Außentemperaturen kamen rund 100 Interessierte ins Klinikum Memmingen, um sich bei Gynäkologie-Oberärztin Dr. Kathrin Mühlen (im Bild) und ihren Kollegen über Therapiemöglichkeiten bei Inkontinenz, einer Reizblase oder einem Gebärmuttervorfall zu informieren.
Der Schrittmacher für die Blase ist nicht viel größer als eine Zwei-Euro-Münze.      Foto: Medtronic 
Der Schrittmacher für die Blase ist nicht viel größer als eine Zwei-Euro-Münze. Foto: Medtronic
Privatdozent Dr. Felix Flock, Chefarzt der Frauenklinik und Leiter des Zertifizierten Beckenbodenzentrums am Klinikum Memmingen 
Privatdozent Dr. Felix Flock, Chefarzt der Frauenklinik und Leiter des Zertifizierten Beckenbodenzentrums am Klinikum Memmingen
 

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